Stadtentwicklung, dargestellt am Beispiel der Stadt Graz

Folgender Text ist ein Auszug aus meiner Dissertation „Raumtendenzen. Eine sequenzielle Darstellung räumlicher und gesellschaftlicher Veränderungen am Beispiel der Stadt Graz“, TU Graz 2008

Das Entwicklungspotential der Stadt Graz liegt in der Vernetzung mit der umliegenden Region. Weitere Eingemeindungen der unmittelbar angrenzenden Gemeinden würden zwar die Fläche und die Einwohnerzahl erhöhen, aber die momentanen Schwierigkeiten wie das starke Verkehrsaufkommen und die Abwanderung der Bewohner der Innenstadt nicht lösen.
Ein weiteres flächenmäßiges Wachstum sollte erst dann überlegt und zuvor geprüft werden, wenn der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs in Bezug auf die Errichtung eigener Busspuren oder die Erweiterung des Straßenbahnnetzes erfolgt ist, um ein Anwachsen des motorisierten Verkehrs in der inneren Stadt zu vermeiden.

Graz ist eine studentisch geprägte und durch seine überschaubare Größe sowie durch die Tatsache, dass wichtige Ziele fußläufig erreichbar sind, eine lebendige, pulsierende Stadt, die eine gute Lebensqualität aufweist. Genau diese Eigenheit gepaart mit kultureller Vielfalt, den Festen, Straßentheatern und Konzerten, sollte erhalten und erweitert werden. Der Tourismus lebt von dieser Vielfalt und vor allem von der historischen Stadt.

Durch die theoretische Forschung in Bezug auf den Raum konnte ich mir eine andere Zugangsweise und Sichtweise dieser Thematik der Stadtentwicklung aneignen und mich von der traditionellen städtebaulichen Analyse lösen.
Ein Brennpunkt, der sich herauskristallisierte, ist der Bau von Wohnsiedlungen. Durch die Ausflösung der traditionellen Bauweise der Gründerzeit und der großflächigen Bebauung werden somit „eigene und undurchlässige“ kleine Stadtteile in die bestehende Struktur hineingesetzt, die weder auf die Umgebung eingehen noch sich mit ihr verzahnen. Je näher diese Siedlungen an den Stadtrand heranreichen, desto eigenwilliger und aufgelöster erscheint ihre Form.[1]

In den Expertengesprächen, die ich im Lauf meiner Recherche und Datensammlung geführt habe, wurde mir bestätigt, dass nicht die großen, sichtbaren Eingriffe in den Stadtraum die besten Ergebnisse bei Evaluierungen ergeben haben, sondern die kleinen, punktuell angesetzten kaum sichtbaren Maßnahmen.

Der Versuch einer historischen Herleitung der Stadtentwicklung ist ein wichtiger Faktor für Konzepte der weiteren Stadtentwicklung, denn es sind die Zeitspannen des Wachstums im Stadtbild ablesbar. Eine Tatsache ist, dass Graz flächenmäßig nur mehr durch neue Eingemeindungen wachsen kann, da die Umlandgemeinden bis ans Grazer Stadtgebiet heranreichen. Im Stadtraum selbst gibt es Ressourcen in den innenstadtnahen Einfamilienhausgebieten durch behutsam geplante Verdichtungsmaßnahmen oder gezielte Aufstockung von bestehenden Gebäuden. Die Innenhöfe in den Gründerzeitvierteln sowie der Grüngürtel der Stadt Graz müssen als Erholungsgebiete für die Bevölkerung erhalten werden.

Welche Wachstumspotenziale hat Graz?
-> Möglichkeiten durch Verdichtung der Einfamilienhaus-Gebiete
-> gezieltes Auffüllen von Baulücken, vor allem im innerstädtischen Bereich

Der Grüngürtel sollte nach Möglichkeit ausgespart werden, um so den Einwohnern von Graz noch ein ungehindertes Betreten desselben zu ermöglichen. Auch geht es um die Erhaltung der städtischen Lebensqualität durch Naherholungsgebiete, die mit dem öffentlichen Nahverkehr erreichbar sind.

Die Bevölkerungsentwicklung des Umlandes spiegelt die Siedlungsentwicklung wider. Durch verstärkte Wohnbautätigkeit in den letzten Jahren, die verhältnismäßig gute öffentliche Anbindung an die Stadt Graz durch die Grazer Verkehrsbetriebe [2] war der Anreiz geschaffen, seinen Wohnsitz an den Stadtrand zu verlagern. Dadurch wurde in eine ländliche Struktur eine städtische Geschossbauweise implementiert, die in keiner Weise die bestehende Struktur aufgreift oder fortführt.[3]

Wichtig für die weitere Entwicklung des Großraumes Graz ist auf jeden Fall ein Verbund mit dem unmittelbaren Umland, eine weitere Eingemeindung der Graz direkt umgebenden Gemeinden ist für ein Wachstum nicht zwingend notwendig. Wichtiger ist wie erwähnt, der Zusammenschluss in Raumordnungsfragen sowie eine gemeinsame Planung in sämtlichen infrastrukturellen Belangen um einen gegenseitigen negativen Wettbewerb, wie er momentan herrscht, umzukehren und in eine positive Interaktion zu verwandeln.
Aktuell ist die Situation in der Raumplanung folgendermaßen, dass Raumplanung und Flächenwidmung Gemeindesache ist und Maßnahmen müssen daher an der Gemeindegrenze enden, sofern nicht eine Übereinkunft mit der Nachbargemeinde vorliegt. Weiters gilt auch die Tatsache, dass Raum- und Stadtplanung in ihrer Ausführung von politischen Entscheidungsträgern abhängig sind. Da diese sich nur für eine Legislaturperiode im Amt befinden, ist eine längerfristige Planung, die unabhängig von den Regierungsperioden ist, nur schwer durchzusetzen. Für langfristige Maßnahmen müssten Ausnahmeregelungen geschaffen werden, damit sie unabhängig von Änderungen in der politischen Landschaft projektiert und ausgeführt werden können.

Raumforschung und Raumplanung sind die zentralen Themen für künftige Stadt- und Regionalentwicklungsprogramme. Die Gemeinden müssen ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit verstärken und so eine weitere Zentralisierung von Nutzungen und Zersiedelung der Landschaft durch eine überregionale Planung in allen Punkten (Infrastruktur, Wohnbedarf und Industrie/ Gewerbeflächen) verhindern.

In meiner Dissertation möchte ich unter anderem Problemzonen, Orte mit verstärktem Handlungsbedarf durch die Analyse und Auswertung der erhaltenen Daten herausfiltern. Diese Erkenntnisse sollen Tendenzen und Entwicklungspotentiale der einzelnen Gebiete zeigen, weiters könnten die Erkenntnisse in Konzepte der Stadtentwicklung einfließen.

Der aktuelle Diskurs umfasst Themen wie Schrumpfung, Abwanderung, Überalterung, Wachstum des Speckgürtels, Verkehrsproblematik in der Innenstadt, Wohn(t)raum im Grünen. All diese Schlagworte zeigen die Probleme auf, mit denen die heutige Stadtplanung und Stadtentwicklung arbeiten muss.

Die planungshistorische Betrachtung der Entwicklung einer Stadt zeigt:
-> Wachstumstendenzen und Schübe
-> Problempunkte, welche sich aus der historischen Entwicklung ergeben
-> Wichtigkeit des Verbundes mit dem nahem Umland
-> Wichtigkeit einer funktionierenden öffentlichen Erschließung und Querverbindung vor allem in
reinen Siedlungsgebieten

Gedanken

Wichtig für die optimale Situierung von Wohnsiedlungen ist:
-> kurze Entfernung von Haltestellen des öffentlichen Nahverkehrs
-> Nahversorgung und Geschäfte des täglichen Bedarfs in fußläufiger Erreichbarkeit

Siedlungsschwerpunkte sollen außerhalb der Ballungszentren gesetzt werden. [4] Streusiedlungen sollen vermieden werden, in der Flächenwidmungsplanung sollte genau ausgewiesen werden, wo gebaut werden darf. Es sollte eine verdichtete Bauweise forciert werden, wie z.B. Dorfcharakter inkl. eigener Infrastruktur. In klar umrissenen Grenzen stellt der beliebte Einfamilienbau kein Problem dar, Zersiedelung wird vermieden.

Probleme der Zersiedelung:
-> hoher Kostenfaktor durch Versorgung mit der benötigten Infrastruktur
-> hoher Energieaufwand (durch Benutzung des KFZ)
-> Zerschneidung der Landschaftsräume und des Lebensraumes der Tiere

Wenn man von den Siedlungsballungen aus zurück in die Geschichte geht, um ursprüngliche Nutzungen zu herauszufinden, diese mit den aktuellen überlagert, erhält man einen Ansatzpunkt zur Auffindung der Probleme und weiters einen Weg, um eine Lösung zu finden. Man weiß, was man bei neuen Nutzungsausweisungen zu beachten hat und welche Faktoren bei Umstrukturierungen wesentlich sind, um die bekannten Probleme, wie Mononutzung, Erschließungen, Bereitstellung von öffentlicher und privater Infrastruktur zu vermeiden.

Dies zu erkennen, ist ein wichtiger Schluss für künftige Stadterweiterungen. Es dürfen die Aufschließungsgebiete nicht als Solitär inmitten einer Stadtlandschaft gesehen werden, sondern man muss vor allem die Einbindung in die bestehende Struktur beachten und kontrollieren, welche Emissionen für das Umfeld verträglich sind und welche Veränderungen sich in diesem Umfeld durch die geplante Stadterweiterung ergeben könnten.

Durch den Siedlungsbau wird auch die Abwanderung von gewissen Bevölkerungsgruppen5 in städtische Randlagen begünstigt, zurück bleiben meist einkommensschwächere Gruppen. [6] Siedlungsbau in entlegeneren Lagen ohne Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr fördern den motorisierten Individualverkehr.

Die modernen Familienstrukturen bewirken nun eine Trendumkehr. Jungfamilien sind aufgrund der Tatsache, dass beide Elternteile arbeiten, von Kinderbetreuungsstätten abhängig. Die traditionelle Großfamilie gibt es nicht mehr. Kinderbetreuung muss gut organisiert werden, daher ist eine gute Erreichbarkeit wesentlich. Dies ist zur Zeit nur in urbanen Strukturen gewährleistet. Die Nähe zum Arbeitsplatz, zur Kinderbetreuungsstätte und zu den Läden des täglichen Bedarfs machen das Wohnen in den Innenstädten wieder attraktiv, aus diesem Grund muss eine nachhaltige Stadtplanung die Erhaltung und Verbesserung der Lebensqualität in den Innenstädten gewährleisten. Ebenso schätzen ältere Menschen die fußläufige Erreichbarkeit der von ihnen benötigten Infrastruktur, sodass auch hier ein Trend zum Wohnen in der Stadt erkennbar ist.

[1] Siehe Kapitel 4, Überlagerungen.
[2] Betriebszeiten des Busses an die Stadt Graz angleichen.
[3] Gemeinde Stattegg als Beispiel im Grazer Umfeld.
[4] Damit meine ich eine gezielte Steuerung von geballtem Siedlungsbau im Stadtumland, um Zersiedelung und Streusiedlungen ohne Zentrum zu vermeiden.
[5] Meist Jungfamilien, welche mit den Kindern im Grünen wohnen wollen.
[6] Segregation

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