„Wahrnehmung und Entscheidung“ | Europäisches Forum Alpbach 2008

Das Thema des Forum Alpbach 2008 lautete „Wahrnehmung und Entscheidung“, das Thema der Alpbacher Architekturgespräche, die ab 2009 Baukulturgespräche heißen werden, lautete „Gebaute oder verbaute Umwelt“.

Anlässlich meiner Teilnahme an den Architekturgesprächen und dem Bezug zu meiner These möchte ich meine Eindrücke von den Alpbacher Architekturgesprächen an den Schluss meines Fazits stellen.

Österreich ist Wien, Umwelt ist Stadt. In den Diskursen und Vorträgen war die Rede von Maßnahmen, die man zur Revitalisierung der Städte, zur Verhinderung des Wachsens der Peripherie oder zur Verhinderung des Sterbens des Innenstadteinzelhandels setzen sollte. Raumplaner erzählten, dass Probleme schon seit 30 Jahren bekannt seien und dass diese Diskurse schon seit 30 Jahren dieselben seien. Man sprach von Stadt und Peripherie, aber man sprach nicht vom ländlichen Raum. Man sprach davon, dass die Peripherie mit der Stadt in raumplanerischen Belangen gemeinsam beachtet werden müsse. Man sprach von der Eindämmung der Abwanderung aus der Stadt, wie man Schrumpfung entgegenwirken müsse, aber man betrachtete nicht den Raum allgemein. Wenn die Diskussion in die Tiefe ging, wurde schnell klar, dass es sich um den urbanen Raum handelte, um den man sich sorgte. Der Grund könnte sein, dass die Spezialisten waren / sind Bewohner des urbanen Raums. Der ländliche Raum wurde gestreift, aber nicht diskutiert. In den Spezialdiskursen über Baukultur in den Bereichen Büro- und Wohnbau war der Bezug zur Stadt, zur Stadt Wien, sehr deutlich spürbar. Es wurden die Unterschiede in der Raumordnung oder Bauordnung und Verfahrensabwicklung in den österreichischen Städten diskutiert.

Einig war man sich, dass die historisch gewachsene Stadt mit den Gründerzeitbebauungen ein Ort sei, an dem man sich gern aufhält und auch gern durchwandert. Dies merkt man am Verhalten der Städtetouristen, welche eher jene Städte besuchen, die baukulturell interessant scheinen. Die Moderne, wo sich die Planer als Ziel die Auflösung der Stadt gesetzt hatten, wo der Ruf nach Licht, Luft und Sonne für die Bevölkerung laut wurde, prägt den Baustil der Stadt des 20. Jahrhunderts. Die Gründerzeit mit der charakteristischen Blockrandbebauung, welche heute eine beliebte Wohnform darstellt, früher als dicht und dunkel verschrien, bietet nun in der Stadt des 21. Jahrhunderts eine Oase. Situiert im Inneren der Stadt, wo Kultur und Leben in fußläufiger Entfernung liegen, wo infrastrukturelle Einrichtungen wie Schulen, Kindergärten, Arbeitsstätten für die Organisation von jungen Familien mit berufstätigen Eltern in unmittelbarer Reichweite liegen, werden diese Quartiere heute zu geschätzten Wohnorten. Zum Großteil wurden die dichten Strukturen durch Entkernung und Begrünung der Innenhöfe und durch den Anbau von Terrassen und großen Balkonen anstatt der kleinen Wirtschaftsbalkone aufgelockert und dadurch zu einer Alternative zum Wohnen in der Peripherie. Das Wohnen in der Peripherie wird laut Meinung der Fachleute wie das Wohnen in der Stadt geplant und gebaut, mit dem Unterschied, dass Infrastruktur, welche fußläufig erreichbar ist, nicht inkludiert ist. Man hat nun alle Nachteile des Wohnens in der Stadt; Emissionen und Dichte, zwar einen kleinen Freiraum aber den Nachteil der langen Wege, wo meist das Auto zur Überwindung der Entfernungen notwendig ist.

Bis zur Stadt des 20. Jahrhunderts hat man Häuser gebaut, die Funktion war wie folgt eingeteilt: die Sockelzone war dem Gewerbe vorbehalten und darüber waren die Wohnungen situiert, dadurch ergab sich ein Leben in den Gassen, welches heute in den Gebieten der reinen Nutzungen nicht mehr vorhanden ist. Doch darf man die historisch gewachsene Stadt des 19. Jahrhunderts nicht unhinterfragt idealisieren. In den heute oftmals grünen Innenhöfen der Blockrandbebauung war das „laute und stinkende“ Gewerbe untergebracht, was für keine angenehme Wohnsituation sorgte. Die Auflösung der Stadt in den Siedlungsstrukturen führte zu einer Abkehr von der Blockrandbebauung, durch die die Innenhöfe geschützt wurden, was nun für Sicherheit und Schutz vor dem Straßenlärm sorgt. Die modernen Siedlungsstrukturen sind meist aufgefächert in einem Winkel zur Straße situiert und bieten so keinen geschützten Innenhof mehr, dies ist speziell für Kinder ein Problem, da durch den starken motorisierten Verkehr der Straßenraum zu einer nicht unwesentlichen Gefahr geworden ist.

Heute baut man Funktionen, man baut Bürogebäude, Wohnungen, also Gebäude mit speziellen schon vordefinierten Nutzungen in Gebieten, welche durch die Flächenwidmung auch schon vordefiniert sind. Die Probleme, die sich daraus ergeben, waren zum Errichtungszeitpunkt noch nicht ersichtlich. Probleme der Nachnutzung und der Umnutzung sind nicht sehr leicht zu lösen, vor allem wenn das umzunutzende Gebäude in einem Gebiet mit klar definierter Widmung situiert ist. Gebäude, speziell Bürogebäude werden für eine maximale Lebensdauer von 30 Jahren konzipiert. Aufgrund der geänderten Rahmenbedingungen in Bezug auf energetische und klimatechnische Anforderungen ist es nun aus wirtschaftlichen Gründen ratsamer, brachliegende Gebäude abzubrechen und neue Gebäude zu bauen, statt die Sanierung zu forcieren. Umnutzung, bzw. umfassende Sanierungen sind bei Gebäuden aus bestimmten Epochen einerseits fast unmöglich1 oder / und zu teuer, damit die Standards nach dem aktuellen Stand der Technik erreicht werden.

Nachhaltigkeit war das Schlagwort in den Architekturgesprächen, meist wird jedoch nur die Nachhaltigkeit im Rahmen der energetischen Möglichkeiten damit gemeint, wie Verwendung von erneuerbarer Energie anstatt fossiler Energie, Passivhausstandards um Beispiele zu nennen. Doch Nachhaltigkeit bedeutet mehr, der Begriff umfasst auch die Nachnutzung oder Umnutzung von funktionalen Gebäuden, wenn diese Funktion nicht mehr benötigt wird, er umfasst auch die Möglichkeit einer technischen Adaptierung, um die neuesten Standards zu erreichen. Die Lebensdauer von Gebäuden ist höher als 30 Jahre, wenn das nicht in das Bewusstsein der Planer, Erbauer und Nutzer vordringt, wird von der Baukultur des 20. Jahrhunderts2 wenig erhalten bleiben.

Beenden möchte ich diese Zusammenfassung mit einem Satz, der während einer Podiumsdiskussion fiel:

„Jede Gesellschaft erhält die Baukultur, die sie verdient hat.“

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